Wie können Kirchengemeinden heute wachsen?

Ich habe mich in der Vergangenheit mit verschiedenen Studien zum Gemeindewachstum beschäftigt, um herauszufinden, ob es frömmigkeitsübergreifend geltende, relevante Faktoren gibt, die Wachstum in Kirchengemeinden verbürgen.

Darunter waren so unterschiedliche Konzeptionen, wie

  • die Natürliche Gemeindeentwicklung nach F. Schwarz,
  • die Auswertung einer Befragung innerhalb der Anglikanischen Kirche zu wachsenden Gemeinden, die in dem Buch Vitale Gemeinde von R. Warren program­matisch ausgewertet wurde,
  • eine charismatische Konzeption der Geistlichen Gemeindeerneuerung unter dem Titel Kirche im Geist des Erfinders,
  • sowie die von W. Härle verantwortete EKD-Studie Wachsen gegen den Trend.

Ist Wachstum wichtig?

Natürlich kann man fragen, ob in Zeiten erodierender Kirchenmitgliedschafts­zahlen und der berüchtigten Freiburger Studie solche Überlegungen nicht das Indiz einer hartnäckigen Wirklichkeitsverweigerung sind. Nein, sind sie nicht. Sondern sie speisen sich aus der Überzeugung, dass die Kirche, da wo sie lebendig ist, an den Gesetzmäßigkeiten Anteil hat, die für organisches Leben nun einmal gelten: Bewegung gehört dazu. Ein gesunder Stoffwechsel mit funktionierender „Müllabfuhr“. Und natürlich auch Wachstum, bspw. durch Zellteilung. Gelingt dies nicht, ist ihr Tod besiegelt.

Schaut man sich nun die verschiedenen Konzeptionen an, fallen rasch Überschneidungen und Gemeinsamkeiten auf, die zumeist auf unterschiedlichen Perspektiven beruhen. Die Natürliche Gemeindeentwicklung (NGE) ordnet ihre Bereiche handlungsorientiert und ist dabei auch (notwendig) redundant. Vitale Gemeinde fragt nach Haltungen und schärft die systematische Orientierung. Da sich Handlungen wiederum aus Haltungen ableiten, bietet die NGE für die einzelnen Aspekte illustratives Potential: Worin äußert sich die jeweilige Orientierung? In was für Aufgabenstellungen könnte sie konkretisiert werden? Kirche mit Vision rückt die Ganzheitlichkeit gemeindlicher Wirklichkeit in den Blick und hilft Einseitigkeiten zu erkennen. Kirche im Geist des Erfinders verfährt im Grunde genauso, hat dabei noch manche Zuspitzung parat – freilich um den Preis einer gewissen Verengung.

Überraschung!

Die Zusammenschau der verschiedenen Gemeindeaufbaukonzepte legte mir nun eine Systematik nahe, die sich einerseits integrativ-vereinfachend an den fünf Fingern einer Hand abzählen lässt. Und die sich andererseits – und das hat mich selbst überrascht – als so frappierend unoriginell erweist, weil sie im Grunde das widerspiegelt, was das Apostolische Glaubensbekenntnis hinsichtlich des Wesens der Gemeinde Jesu immer schon festgehalten hat und was im Missionsbefehl nach dem Matthäus-Evangelium der Kirche als Handlungsanweisung aufgetragen ist. Diese fünf Punkte vereinigen sozusagen die geistgewirkte Natur der Kirche und die Haltung des durch diesen „begeisterten“ Menschen. 

Eine wachsende Gemeinde lebt zielorientiert, also „mit Mission“. Sie ist dabei

  • Glaubenszentriert (apostolisch)
  • geistesgegenwärtig (heilig)
  • einladend – und gemeinschaftsorientiert (eine)
  • beziehungs- und außenorientiert (universal)

Glaubenszentriert – Das Evangelium als Kraftwerk der Gemeinde

Eine wachsende Gemeinde lebt als Schöpfung des Wortes (creatura verbi) aus der konstituierenden und erhaltenden Kraft des Evangeliums, die uns durch die Heilige Schrift überliefert ist und durch die Bekenntnisse der Kirche ausgelegt wird. Dies steht als Maßstab und Mittelpunkt allen Denkens, und Bemühens und bildet das Kraftwerk der Gemeinde. Hier bezieht sie ihre Energie.

Geistesgegenwärtig – Berührt vom lebendigen Gott

Der Glaube lebt nicht aus Konserven, sondern fragt immer neu nach Vergegenwärtigung. Das Evangelium wird deshalb in Gottesdienst und Gemeindeveranstaltungen relevant, lebensbezogen und medial auf der Höhe der Zeit kommuniziert, gelehrt und gelebt und es werden Ausdrucksformen angeboten, damit Menschen mit Gott in Kontakt kommen und zur Anbetung finden.

Einladend und gemeinschaftsorientiert – Gott hat ein großes Volk in dieser Stadt

Glaube ruft in die Gemeinschaft der Kinder Gottes, wo der Glaube ermunternd und ermahnend in Seelsorge und Verkündigung bezeugt wird. Viele werden bereits Teil der Gemeinschaft, bevor sie zum Glauben finden. Wachsende Gemeinden bieten tragfähige und verbindliche Gemeinschaft, wo Menschen sich wohlfühlen und im Glauben wachsen können. Dazu schaffen sie in einladender und gastfreundlicher Atmosphäre Angebote, die der Vielfalt der Menschen hinsichtlich Alter, Milieu, Bildungsgrad und Glaubensentwicklung entspricht.

Beziehungs- und Außenorientiert – Raus aus dem Paralleluniversum

Kirche ist als Salz und Licht orientierend da für andere. Sie unterhält „als Sauerteig“ Beziehungen in die Community und macht mit ihrem Engagement einen relevanten Unterschied. Denn wer von Gott berührt ist, hat die Kraft, seine Welt zu verändern. Glaube kann Berge versetzen.

Zielorientiert – Leben mit Mission

Jesus wusste sich von Gott mit einem präzisen Auftrag zu den Menschen gesandt. Dutzende Male ist es in den Evangelien formuliert: „Ich bin dazu gesandt, dass…“. Wachsende Gemeinden sind sich – oft über einen Profil- und Zielfindungsprozess – ihres Auftrags bewusst, formulieren und kommunizieren in der Gemeinde ein Leitbild, schulen dementsprechend ihre Mitarbeiter und sorgen dafür, dass es für alle verbindlicher Maßstab des Handelns wird.

Schaut man sich diese Punkte an, wird man mancher Dinge im kirchlichen Raum gewahr, die sich nicht diesen 5 Punkten subsumieren lassen. Das scheint mir ein verlässliches Zeichen dafür, sie sein zu lassen. Überhaupt glaube ich, dass es nach jahrzehntelanger Hypertrophie Zeit ist, viele Dinge zu lassen und sich auf weniges Wichtige zu konzentrieren. Da stimme ich auch der Freiburger Studie zu. Die Kirche wird kleiner werden. Sie wird ihre Aktivitäten zurückfahren und nicht mehr jede Sau durchs Dorf treiben. Diese Selbstbescheidung könnte der Anfang einer kirchlichen Gesundungs- und Wachstumsstrategie sein: Durch Konzentration, gleichsam ein Zurückschneiden im Sinne von Johannes 15 zu einer Erhöhung der eigenen Wirksamkeit zu gelangen. Denken Sie mal drüber nach, wenn sie demnächst wieder das Glaubensbekenntnis sprechen!