Gedanken zur Reformierbarkeit der Kirche – oder: „Der Unterschied zwischen Effektivität und Effizienz“

„Verwalter gibt es in der Kirche reichlich, aber wo gibt es Visionäre?“ beklagt Peter Barrenstein, der frühere Seniorpartner der Unternehmensberatung McKinsey in einem aktuellen Interview mit der Nachrichtenagentur idea (39/2020). 

Angesichts von einer Viertelmillion Menschen, die jährlich der Kirche den Rücken kehren, sollte man meinen, dass dies Kirchenleitungen aufschreckt und nun erhebliche Anstrengungen unternommen werden, um sich gegen Entwicklungen zu stemmen, die innerhalb der nächsten 40 Jahre eine Halbierung der Mitgliederzahlen nach sich ziehen.

Wo liegt das Problem? –  Laut Barrenstein an

  • einer einseitigen Fixierung auf die Mitglieder anstelle volksmissionarischer Bemühungen
  • kirchenleitende Selbstzufriedenheit, finanzielle Saturiertheit und egoistische Machtinteressen
  • einem Mangel an kontinuierlicher Führung
  • mangelnder evangelischer Profilbildung
  • einer hypertrophen Verwaltung
  • der Verweigerung sich als Wettbewerber auf einem religiösen Markt zu erkennen
  • und einer „unglaublichen Angst“ vor quantifizierbaren Zielvorgaben.

Was wäre die Lösung? Der Unternehmensberater Barrenstein empfiehlt wenig überraschend „mehr wirtschaftlichen Sachverstand und strategisches Denken“ im Raum der Kirche. Das ist im Grunde nicht überraschend und erinnerte mich an das Bonmot des amerikanischen Erfinders des Massenautomobils, Henry Ford: „Wenn ich die Menschen gefragt hätte, was sie wollen, hätten sie gesagt schnellere Pferde“. Ich glaube, dass Barrenstein insofern recht hat, als seine Vorschläge schon eine Verbesserung erwirken würden. Aber diese Verbesserung könnte immer nur eine graduelle sein, weil sie auf der Seite der Effizienz ansetzt („die Dinge richtig tun“).

Was Barrenstein aber nicht klar zu sein scheint, ist, dass hinter der unglaublichen Angst vor quantifizierbaren Zielvorgaben“ eine ungelöste Effektivitätsaufgabe i(„die richtigen Dinge tun“) in der Kirche steht. Solange ich Pfarrer bin und Synoden und Pfarrkonvente besuche, habe ich stets das ungeschriebene Gesetz vorgefunden, dass man über alles reden darf, nur nicht über Inhalte, über die Substanz dessen, was die Kirche, was ein Christ glaubt. Stattdessen wird geredet über Projekte, Strukturen, Kampagnen, Arbeitsprozesse, Ämter, Finanzen. Was meine Kollegen links und rechts glauben, was sie hoffen, was sie antreibt – keine Ahnung! Wir reden nicht über Inhalte. Wir sind eine plural verfasste Kirche. Das zwingt uns zu einem Nichtangriffspakt in inhaltlichen Dingen. Man formuliert stets wage, benutzt Chiffren und Containerbegriffe die vom einen Kollegen vermutlich ganz anders gefüllt werden als vom anderen.

Und wenn man über Inhalte nicht spricht, kann man diesbezüglich auch schwerlich eine Verständigung herbeiführen und wird insofern erst recht keine Ziele benennen können, auf die man gemeinsam hinarbeitet. Die von Barrenstein geforderte Quantifizierbarkeit dieser Ziele rückt dann erst recht in weite Ferne!

Ich glaube, die von ihm leider zu Recht beobachtete Unreformierbarkeit der Reformationskirche ist nur von der Basis her zu realisieren. Es braucht eine Reform von Unten. Es braucht zur Qualitätssicherung in der Kirche gleichsam eine Abstimmung mit den Füßen durch das Priestertum aller Gläubigen. Es müssen sich die bemerkbar machen, die unsere Gemeinden durch ihr Engagement und ihre Mitarbeit, durch ihren Besuch in Gottesdiensten und durch ihre Spenden faktisch tragen. Es müssen die sagen, was evangelisch ist und was nicht, statt auf kirchliche Reformpapiere zu warten. Sonst wird es nie passieren.

Wie das geschehen kann? – Nicht durch schnellere Pferde, sondern durch das „Model T“, also durch eine disruptive Innovation, sagt Henry Ford. Träger dieser Innovation wird nicht mehr vom leicht gepimpten Alten ausgehen, wo man auf innovative Impulse aus den Kirchenleitungen hofft, sondern durch ein Qualitätsmanagement (Es geht zuerst um Qualität, nicht um Quantität!), das von den Gemeindegliedern ausgeht.

Einen Grundimpuls, wie das geschehen kann, gibt Barrenstein selbst: „Es gibt Inseln, also einzelne Gemeinden oder Angebote, die erfolgreich sind, Hier müsste man sich anschauen, was diese anders oder besser machen.“ – Genau das ist längst erfolgt. Es gibt verschiedene empirische Studien, die sich mit genau dieser Thematik beschäftigt haben und zu sehr ähnlichen Ergebnissen kommen: Es gibt in der Tat empirisch verifizierbare Qualitätskriterien von vitalen Gemeinden.

Und was es jetzt m. E. braucht, ist eine App oder eine Website, die diese Kriterien bei Gemeindebesuchern abfragt und sie in einer Landkarte ratingartig darstellt. Dann ist für jeden ersichtlich, wo in seiner Stadt bzw. in seinem Umkreis die Gemeinden liegen, wo gute Arbeit geleistet wird und Gemeindearbeit blüht. Was es für Restaurants und Arztpraxen längst gibt, könnte auch für die Orientierung im qualitativ höchst heterogenen Kirchen-Dschungel für qualitative Klarheit sorgen. Die Reformation hat sich der Medienrevolution ihrer Zeit bedient: Dem aufkommenden Buchdruck von Johannes Gutenberg, der eine beispiellose Demokratisierung der damaligen Medienlandschaft losgetreten hat und die rasante Verbreitung reformatorischer Ideen so erst ermöglichte.

Was läge näher als jetzt unsere gemeindliche Schwarmintelligenz in Smartphone-Klicks umzumünzen, um unseren Freunden und Nachbarn den Weg zu der Art von Gemeinde zu weisen, wo man den Anstoß für eine ewige Bewegung erfahren kann? – In Anlehnung an Barrenstein möchte ich deshalb alternativ formulieren: „Wo sind die Visionäre, die der Kirche endlich wieder etwas zu verwalten geben, was sich zu verwalten lohnt?“